Fast 1/6 meines gesamten Aufenthaltes ist jetzt schon fast vorüber. Zeit, mal wieder etwas zu schreiben.
Durch den Kauf einer Lampe und eines Tisches in japanischer Ausführung (15cm hoch) fühle ich mich in meinem Zimmer um einiges wohler und so langsam wird das Wohnheim zu meinem Zuhause.
Diesen Freitag habe ich meine Welcome Party, die meine Abteilung für mich organisiert. Ich wurde schon vorsichtig gefragt, ob ich trinkfest sei, so dass ich guter Hoffnung bin, dass der Abend sowohl feucht als auch fröhlich wird. Mein Supervisor hat außerdem eingeführt, dass sich mir jeden Tag einer meiner Kollegen vorstellen muss und mir erzählen soll, was seine (sind eigentlich nur Männer) Aufgaben sind. Ich hoffe, dass ich dadurch mehr zu tun bekomme, da die Arbeit momentan immer noch hauptsächlich aus Däumchendrehen besteht.
Am Sonntag Vormittag werde ich mit meinem Supervisor zum „Nissan Sales Festival“ fahren. Noch habe ich keine Ahnung, was der Grund dafür ist oder um was genau es sich darum handelt, aber ich freue mich dennoch schon darauf.
Letzte Woche war ich auch schon auf einem anderen „Business Trip“. Ein paar Kollegen, mein Chef und ich sind zur Tokio-Bucht gefahren und haben uns dort eine Firma angesehen, die unsere Logistik leitet. Dies beinhaltete eine Besichtigung des Containerhafens von Tokio und die Begehung eines riesigen Containerschiffs aus Thailand, auf dem der koreanische Kapitän uns in seinem interessanten Koreaner-Englisch die Navigation erklärte. Zum Mittag hat der Chef uns alle in ein angeblich italienisches Restaurant eingeladen, allerdings konnte der Koch seine japanische Herkunft nicht verleugnen und das hat man auch deutlich geschmeckt. Um einiges besser war das Abendessen, das aus Sushi und Asahi-Bier bestand. Auf ein Mal wurden die Japaner sehr locker und lustig. Ich weiß immer noch nicht, ob es an dem Bier lag oder an dem einsetzenden Feierabend. Kurz vor dem Sushi-Gelage durfte ich noch das legendäre japanische Prozedere des Visitenkartenaustauschens beobachten. Als Europäer kommt einen diese Art und Weise sehr exotisch und merkwürdig vor, so dass ich mich wie ein Tourist auf Safari gefuehlt habe, der gerade ein Rudel exotischer Tiere beobachtet und ihre Verhaltensweisen nicht zu interpretieren weiß. Nach dieser interessanten Erfahrung ging es dann, wie gesagt, zum gemütlichen und fischigen Teil des Abends über. Bei dieser Gelegenheit musste ich zur Belustigung aller zum ersten Mal „Uhni“ essen. Ein undefinierbares, schleimiges und orangefarbiges Etwas auf dem Sushi-Reisbällchen. Alle haben versucht mir zu erklären, was es ist und mir auch das englische Wort gezeigt, allerdings konnte ich damit nichts anfangen. Nach späteren Recherchen hat sich rausgestellt, dass Uhni irgendetwas vom Seeigel ist. Der Geschmack war ähnlich „interessant“, wie die fermentierten (= verschimmelten) Sojabohnen, die ich schon essen musste, aber dafür bin ich jetzt ein wenig schlauer.
Am Mittwoch hatte ich meinen ersten echten Japanischunterricht. Die Lehrerin ist sehr nett, allerdings ist es nicht leicht die Wörter zu lernen, da absolut keine Verbindung zu germanischen oder romanischen Ausdrücken existiert. Eine weitere Eigenart, die es erschwert die Japanische Sprache zu erlernen, sind die vielen verschiedenen Höflichkeitsformen. Abhängig vom Alter bzw. Rang des Gesprächspartners müssen jeweils andere Ausdrücke benutzt werden. So existieren Wörter, die keinerlei konkrete Bedeutung haben, die jedoch für die Höflichkeit bzw. Ehrerbietung unerlässlich sind. Da wir Praktikanten jedoch immer die Jüngsten in der Firma sind, lernen wir stets die höchste Höflichkeitsform.
Auch wenn es tagsüber immer noch erstaunlich warm ist (ca. 22 Grad C), so zieht das Wetter, insbesondere nachts, langsam an. Angeblich soll es jedoch nie unter 0 Grad werden, so dass ich auch über den Winter hinweg mit meinem neuen, aber schon klapprigen, Fahrrad zu Arbeit radeln kann.
Heute habe ich zum ersten Mal mein Gehalt bekommen. Es wird sich herausstellen, in wie weit das Geld für die Lebensverhältnisse vor Ort ausreicht, aber wenn man vom Nachtleben in Tokio oder sonstigen Reisen mal absieht, ist das
Leben in Japan nicht so teuer wie erwartet. Noch esse ich im Wohnheim zu Abend allerdings gibt es Mahlzeiten, die sehr „grenzwertig“ sind. Das Frühstück, bestehend aus Suppe, grünem Tee, Fisch, Algen, Reis etc., habe ich schon aufgeben und durch längeren Schlaf und einen Kaffee ersetzt. Den Kaffee muss ich mir jedoch mittels meines neu erstandenen „Filterhalters“ selbst kochen. Auch wenn das etwas umständlich und weit von einem guten Cappuchino entfernt ist, genieße ich das kleine Stück westliche Zivilisation jeden Morgen auf’s neue.

Neben dem schon erwähnten Kaffeefilterhalter bin ich außerdem noch stolzer Besitzer eines neuen Prepaid Handys. Ohne so etwas geht in Japan noch weniger als in Deutschland. Mein Chef hat mich ganz ungläubig angeguckt, als ich ihm keine Handynummer nennen konnte (deutsche Handys funktionieren in Japan nicht). Der Kauf war so kompliziert und mühselig, dass es sich nicht lohnt davon weiter zu berichten (bzw. ich keine Lust habe, ein Buch darüber zu schreiben). Soviel sei jedoch gesagt: Nach 4 Faxen, 5 Telefonaten mit der Telefongesellschaft und einem 1 stündigen Aufenthalt im Laden beim Kauf des Handys funktioniert es immer noch nicht! Angeblich liegt es an meiner temporären Alien-Card (nein, nicht Außerirdischer, sondern in Japan lebender Ausländer). Ich hoffe, dass sich das Problem löst, wenn ich im Besitz des endgültigen Dokumentes bin. Wahrscheinlich ist es nur ein kleines Problem, jedoch gestaltet sich die Kommunikation als sehr mühselig, wenn die Japaner kein Wort Englisch bzw. Deutsch können und ich kein Wort Japanisch spreche (aber das ändert sich ja bald…).
In diesem Sinne,
Shitsureishimasu!
Tintenfisch essen auf einem jap. Volksfest